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Wie Ivar Aasen durch Norwegen reiste um eine Sprache zu erschaffen
Die Entstehung einer nationalen Schriftsprache ist selten das Ergebnis einer einzelnen Vision oder eines plötzlichen Geniestreichs. Vielmehr ist sie oft das Resultat eines langen und mühevollen Prozesses, der von tiefem Engagement, akribischer Forschung und nicht zuletzt von weitreichenden Reisen geprägt ist. Im Falle Norwegens ist dieser Prozess untrennbar mit dem Namen Ivar Aasen verbunden. Sein monumentales Werk, die Schaffung der norwegischen Schriftsprache Nynorsk, war kein akademisches Unterfangen, das im stillen Kämmerlein vollbracht wurde. Es war das Produkt jahrelanger, systematischer Feldforschung, die ihn quer durch das damalige Norwegen führte – ein Land, das geographisch zersplittert und sprachlich heterogen war. Aasens Reise war somit nicht nur eine physische Odyssee, sondern auch eine intellektuelle Expedition, deren Ziel die Ergründung und Rekonstruktion einer genuin norwegischen Sprachform war.
Bevor Ivar Aasen seine Reise antrat, befand sich Norwegen in einer komplexen sprachlichen Situation. Nach Jahrhunderten dänischer Herrschaft hatte sich das Dänische als dominante Sprache des Handels, der Verwaltung und der gebildeten Schicht etabliert. Selbst nach der Auflösung der Union mit Dänemark im Jahr 1814 und der Vereinigung mit Schweden verlor das gesammelte Dänisch nicht an Ansehen. Stattdessen entwickelte sich die Schriftsprache in Norwegen parallel zum Dänischen weiter, und ein deutlicher Unterschied zwischen der gesprochenen Sprache und der Schriftsprache wurde erkennbar. Diese dänisch geprägte Schriftsprache, die sich im Laufe der Zeit als „Riksmål“ oder später „Bokmål“ herauskristallisierte, repräsentierte die Sprache der Elite, der städtischen Zentren und der etablierten Machtstrukturen.
Die Notwendigkeit einer eigenständigen Sprache
Die politische Unabhängigkeit Norwegens im frühen 19. Jahrhundert war ein Katalysator für eine tiefere Auseinandersetzung mit nationaler Identität. Viele empfanden die fortwährende Abhängigkeit von einer dänisch geprägten Schriftsprache als ein Symbol der kulturellen und nationalen Unterordnung. Es entstand die Sehnsucht nach einer eigenen, authentisch norwegischen Sprache, die die sprachlichen Wurzeln des Landes widerspiegelte und das kulturelle Erbe des Volkes verkörperte.
Die Rolle der Romantik und der Nationalbewegung
Die romantische Nationalbewegung, die in ganz Europa die Zeit prägte, spielte auch in Norwegen eine bedeutende Rolle. Die Rückbesinnung auf Geschichte, Folklore und die „Seele des Volkes“ war ein zentrales Anliegen. In diesem Kontext wurde die gesprochene Sprache, insbesondere die Dialekte der ländlichen Bevölkerung, als Trägerin dieser urtümlichen norwegischen Identität angesehen. Man glaubte, in den Dialekten die reine und unverfälschte Sprachform zu finden, die von dänischem Einfluss unberührt geblieben war.
Die sprachliche Vielfalt als Herausforderung
Die Herausforderung für jeden, der eine einheitliche norwegische Schriftsprache schaffen wollte, lag in der enormen sprachlichen Vielfalt des Landes. Norwegen ist bekannt für seine zerklüftete Geographie mit tiefen Fjorden, hohen Bergen und isolierten Tälern. Diese natürlichen Barrieren hatten über Jahrhunderte hinweg zur Ausbildung einer Vielzahl von Dialekten geführt, die sich zum Teil erheblich voneinander unterschieden. Eine einzige, allumfassende Sprache zu finden oder zu schaffen, die die Essenz dieser Vielfalt einfing, erschien zunächst als eine fast unlösbare Aufgabe.
Dialektale Unterschiede als sprachliche Schatzkammern
Für Ivar Aasen waren diese dialektalen Unterschiede jedoch keine Hindernisse, sondern vielmehr ein Reichtum. Er sah in jedem Dialekt einen eigenen Beitrag zum großen Ganzen, eine Facette des norwegischen Sprachwesens. Sein Ziel war es nicht, einen einzelnen Dialekt zur einzigen Norm zu erheben, sondern aus der Fülle der dialektalen Ausdrücke und grammatischen Strukturen eine Synthese zu schaffen, die für ein breiteres Spektrum der Bevölkerung zugänglich und verständlich wäre und gleichzeitig die charakteristischen Merkmale der norwegischen Sprache bewahrt.
Aasens Reise beginnt: Systematische Erfassung des gesprochenen Wortes
Ivar Aasen war sich bewusst, dass eine fundierte linguistische Arbeit nur auf der detaillierten Beobachtung und Sammlung des gesprochenen Wort